Ina Scharrenbach ist Digitalministerin in Nordrhein-Westfalen. Zur Abhängigkeit der Kommunen von US-Software sagte sie im September dem WDR: «Die Notwendigkeit, sich von dem einen oder anderen Anbieter zu lösen, ist erkannt. Die Frage ist nur, was ist im Markt tatsächlich verfügbar.»
Eine ehrliche Antwort. Und eine bequeme, denn solange die Frage offen bleibt, muss niemand etwas entscheiden. In Teil 1 ging es darum, was in den ersten 24 Stunden stillsteht, wenn die Office-Umgebung wegfällt, in Teil 2 darum, warum trotzdem kaum jemand aussteigt. Jetzt also die Frage der Ministerin. Wer einen souveränen Arbeitsplatz will, hat heute drei Wege. Die Software ist dabei oft dieselbe. Verschieden ist, wer den Betrieb trägt.
Kein Schweizer Sonderweg — Teil 3 von 4
Drei Wege zu einem souveränen Arbeitsplatz
Mit Arbeitsplatz ist hier gemeint, was heute Microsoft 365 oder Google Workspace liefern: Mail, Kalender, Kontakte, Ablage, Dokumente und Videokonferenz aus einer Umgebung. Souverän ist er, wenn Sie wissen, welchem Recht der Betreiber untersteht, wo die Daten liegen und wie Sie sie wieder herausbekommen.
Selbst betreiben
An diesen Weg denken die meisten, wenn von quelloffener Software die Rede ist. In Deutschland steht dafür openDesk, eine Bürosuite, die das bundeseigene Zentrum für digitale Souveränität für die Verwaltung entwickelt. Was dazugehört, hat die c’t ausprobiert, wir haben es in Teil 2 beschrieben: eine bis anderthalb Wochen Arbeit auf der Kommandozeile für einen erfahrenen Redakteur, danach ein eigenes Team für Updates und Sicherheit.
In der Schweiz hat sich das Kommando Cyber der Armee für openDesk entschieden und wollte bis Oktober 2026 umgestellt haben. Eine öffentliche Meldung, dass es so weit ist, habe ich bis zum 24. Oktober nicht gefunden. Das muss nichts heissen, eine Armee meldet nicht jeden Schritt. Es zeigt aber, wer diesen Weg geht: Organisationen, die selbst zu einem guten Teil aus Informatikern bestehen.
Betreiben lassen
Die Software läuft im eigenen oder in einem gemieteten Rechenzentrum, um den Betrieb kümmert sich ein Dienstleister. Die c’t nennt die Stadt Oberkirch in Baden-Württemberg, die openDesk in ihrem Rechenzentrum vorerst mit Hilfe eines Dienstleisters betreibt und später mehr selbst übernehmen will. Für eine Kommune mit eigenem Rechenzentrum ist das vernünftig. Ein KMU hat meistens keines. Dann bleibt von «betreiben lassen» ein Vertrag mit einem Dienstleister, der seinerseits Server mietet.
Fertig mieten
Ein Anbieter mit Sitz und Servern in Europa betreibt die ganze Umgebung, und Sie schliessen ein Abo ab, wie heute bei Microsoft. Die c’t hat im September fünf solche Angebote nebeneinandergestellt, darunter die kSuite von Infomaniak aus Genf. Abschliessen könne das jeder, sagte die Redakteurin im Podcast der Zeitschrift, Privatleute ebenso wie Unternehmen oder Behörden.
| Weg | Wer betreibt | Was Sie selbst brauchen | Passt zu |
|---|---|---|---|
| Selbst betreiben | Sie | Server, Linux-Wissen, ein Team für Updates und Sicherheit | Organisationen mit eigener Informatik |
| Betreiben lassen | Ein Dienstleister in Ihrem Auftrag | Einen Ort für die Server und jemanden, der den Dienstleister führt | Verwaltungen mit eigenem Rechenzentrum |
| Fertig mieten | Der Anbieter | Ein Abo und jemanden, der den Umzug plant | Betriebe ohne eigene Informatik |
Für ein Treuhandbüro, eine Praxis oder eine Kanzlei ist das keine schwere Wahl. Die ersten beiden Wege setzen voraus, was in Teil 2 als Bremse auftauchte: Leute und Wissen. Der dritte Weg lässt diese Arbeit dort, wo sie heute schon liegt, beim Anbieter. Nur eben bei einem anderen.
Was die c’t über die fertigen Angebote sagt
Die Redaktion hat die fünf Suiten im Alltag betrieben. Die ausführliche Einordnung steht in unserem Beitrag Microsoft 365 Alternativen im Test. Hier nur, was für die Frage der Ministerin zählt.
Alle fünf bringen mit, was ein Büro braucht: Mail, Ablage, Dateifreigabe, Dokumente, Videokonferenz, Kalender und Kontakte. Die Server stehen in Europa, die meisten in Deutschland. Die kSuite läuft in Rechenzentren, die Infomaniak in der Schweiz selbst entwirft und betreibt. Drei der fünf Angebote sind quelloffen, die kSuite ist nicht darunter. Auch das gehört zur ehrlichen Lesart. Für Ihren Betrieb wiegt trotzdem schwerer, welchem Recht der Anbieter untersteht, ob die Dateiformate offen sind und ob Sie Ihre Daten jederzeit vollständig mitnehmen können.
Übertrieben wird in der c’t nichts. Ein Microsoft-365-Klon sei keines der Angebote, Microsoft sei schon so lange dabei und alles so eng verzahnt, dass ein Ausstieg schwierig bleibe. «Es ist schwierig, das zu 100 Prozent zu ersetzen, aber es gibt auf jeden Fall Alternativen.» Den Satz unterschreibe ich, auch als Infomaniak-Partner. Ein Wechsel kostet Gewohnheit. Wer das vorher sagt, muss nachher weniger erklären.
Was ein solches Abo im Vergleich zu Microsoft 365 kostet, steht auf unserer Seite zu den Kosten einer Cloud-Migration. Ansehen lassen sich die Angebote in der Regel vorher kostenlos.
Liegen Ihre Daten in der Schweiz im Ausland?
Kommt darauf an, wo Sie sitzen.
Für ein Unternehmen in Stuttgart oder Linz ist die Schweiz kein EU-Land, und hier bricht das Gespräch oft ab, bevor es angefangen hat. Zu Unrecht. Die Europäische Kommission hat der Schweiz am 26. Juli 2000 ein angemessenes Datenschutzniveau bescheinigt und das am 15. Januar 2024 bestätigt. Personendaten aus der EU, aus Norwegen, Liechtenstein und Island dürfen deshalb in die Schweiz übermittelt werden, ohne dass zusätzliche Garantien nötig sind. Für die DSGVO ist ein Schweizer Rechenzentrum kein Sonderfall.
Für einen Betrieb in St. Gallen gilt das umgekehrt genauso. Die Schweiz führt die EU-Staaten auf ihrer Liste der Länder mit angemessenem Datenschutz. Daten bei einem Anbieter in Deutschland brauchen unter dem revDSG deshalb keine zusätzlichen Garantien.
Der eigentliche Unterschied liegt beim Recht, dem der Anbieter selbst untersteht. Microsoft bietet Schweizer und europäischen Kunden inzwischen an, ihre Daten in Rechenzentren in der Schweiz oder der EU zu halten. Das ist ein Fortschritt, an der Rechtslage ändert es nichts. Im Juni 2025 fragte der französische Senat Anton Carniaux, Direktor für öffentliche und rechtliche Angelegenheiten bei Microsoft Frankreich, ob er unter Eid garantieren könne, dass Daten französischer Bürger nicht ohne Zustimmung Frankreichs an US-Behörden gehen. Garantieren könne er das nicht, sagte er, vorgekommen sei es aber noch nie. Beides darf man ihm glauben.
Was Sie bis zum nächsten Teil tun können
Holen Sie die Liste aus Teil 1 und Teil 2 noch einmal hervor: die Programme, die eine Microsoft-Umgebung voraussetzen, und daneben die Namen der Leute, die wissen, wie sie zusammenhängen. Schreiben Sie jetzt zu jedem Programm, welcher der drei Wege dafür realistisch ist. In den meisten Betrieben steht am Ende überall dasselbe Wort. Dann ist die Frage der Ministerin für Sie beantwortet.
Offen bleibt, wie Sie einkaufen, damit Sie auch beim nächsten Anbieter wieder gehen können. Darum geht es in Teil 4. Wie ein erster Schritt ohne Umzug aussieht, steht in der Vorbereitung einer Cloud-Migration.
Häufige Fragen zum souveränen Arbeitsplatz
Was ist ein souveräner Arbeitsplatz?
Eine Büroumgebung mit Mail, Kalender, Ablage, Dokumenten und Videokonferenz, bei der Sie wissen, welchem Recht der Betreiber untersteht, wo die Daten liegen und wie Sie sie vollständig wieder herausbekommen. Ob Sie die Umgebung selbst betreiben, betreiben lassen oder fertig mieten, ist eine zweite Frage.
Muss ein souveräner Arbeitsplatz quelloffen sein?
Nein. Quelloffene Software erleichtert einen späteren Wechsel, weil sich der Code einsehen und die Software anderswo betreiben lässt. Von den fünf fertigen europäischen Angeboten, die die c’t verglichen hat, sind drei quelloffen. Für ein KMU wiegen Rechtsordnung, Serverstandort, offene Dateiformate und ein vollständiger Datenexport schwerer.
Dürfen Unternehmen aus Deutschland und Österreich ihre Daten in der Schweiz speichern?
Ja. Die EU-Kommission hat der Schweiz ein angemessenes Datenschutzniveau bescheinigt, zuletzt bestätigt am 15. Januar 2024. Personendaten aus der EU dürfen deshalb ohne zusätzliche Garantien in die Schweiz übermittelt werden.
Kann man die Angebote vor einem Wechsel ausprobieren?
Bei den meisten fertigen Angeboten ja, oft kostenlos. Sinnvoll ist ein Test mit zwei oder drei Leuten und echten Alltagsaufgaben, bevor irgendetwas umgestellt wird.
Teil 3 von 4 der Reihe «Kein Schweizer Sonderweg». Quellen: WDR, «NRW-Städte wollen von US-Konzernen unabhängig werden», 18. September 2026; c’t 19/2026 und c’t uplink, «Microsoft-Alternativen: Open-Source-Software aus Europa», 12. September 2026; Bundesamt für Justiz, «Angemessenheit der Schweiz durch die EU»; The Register, 25. Juli 2025, zur Anhörung im französischen Senat vom 18. Juni 2025; netzwoche, 13. Juli 2026, zum Kommando Cyber.





