Cloud-Abhängigkeit: was in den ersten 24 Stunden ohne Microsoft passiert

Frontalaufnahme eines schlichten dreigeschossigen Verwaltungsgebäudes bei bedecktem Himmel, sämtliche Storen der oberen Geschosse sind heruntergelassen, in den Fenstern des Erdgeschosses spiegeln sich Wolken

Cloud-Abhängigkeit lässt sich schlecht diskutieren und gut messen. Man braucht dafür nur eine Frage: Was steht in unserem Betrieb still, wenn die gewohnte Office-Umgebung heute Abend nicht mehr startet? In einer deutschen Stadtverwaltung ist diese Frage kürzlich sehr konkret beantwortet worden.

Thorsten Rode leitet die IT-Dienste der Stadt Nettetal am Niederrhein, gut vierzigtausend Einwohner, eine Verwaltung, die sich mit ihrer Digitalisierung einen Namen gemacht hat. Personalausweise werden dort digital beantragt, das Foto entsteht am Schreibtisch der Sachbearbeiterin, ein Chatbot beantwortet Fragen rund um die Uhr. Dem WDR hat Rode trotzdem ein Szenario beschrieben, das in keiner Hochglanzbroschüre über digitale Verwaltung vorkommt.

Wenn die Amerikaner uns von jetzt auf gleich den Saft abdrehen, dann würde das bedeuten, dass auf der einen Seite zum sofortigen Zeitpunkt für uns die komplette Office Suite nicht mehr zur Verfügung stände.

Thorsten Rode, Leiter IT-Services der Stadt Nettetal, gegenüber dem WDR

Kein Word, kein Excel, kein PowerPoint. Und weil die Fachprogramme der Verwaltung auf Microsoft zugeschnitten sind, bliebe es nicht dabei. Diese Programme, sagt Rode, würden «sehr wahrscheinlich relativ zügig, nämlich in den ersten 24 Stunden nicht mehr funktionieren».

Vierundzwanzig Stunden. Das ist die eigentliche Zahl dieser Geschichte.

Nettetal ist kein Einzelfall

Der WDR hat seine Recherche am 18. September 2026 veröffentlicht, zwei Tage später lief sie in der Sendung Westpol. Dazu liegt dem Sender eine Abfrage der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement vor. Fast 92 Prozent der antwortenden Kommunen bezeichnen sich darin als abhängig von Software- und Cloudanbietern. 82 Prozent halten diese Abhängigkeit für kritisch.

Die Abfrage selbst ist nicht veröffentlicht. Wir kennen also weder die Zahl der Antwortenden noch den Erhebungszeitraum, und deshalb zitieren wir hier den WDR und nicht die Erhebung. Wichtiger als die zweite Nachkommastelle ist ohnehin das Verhältnis: Fast alle sehen die Abhängigkeit, die grosse Mehrheit hält sie für kritisch, und trotzdem passiert wenig. Warum das so ist, steht in Teil 2 dieser Reihe.

Die zuständige nordrhein-westfälische Ministerin Ina Scharrenbach hat das gegenüber dem WDR nüchtern zusammengefasst.

Die Notwendigkeit, sich von dem einen oder anderen Anbieter zu lösen, ist erkannt. Die Frage ist nur, was ist im Markt tatsächlich verfügbar.

Ina Scharrenbach, Ministerin des Landes Nordrhein-Westfalen, gegenüber dem WDR

Was Cloud-Abhängigkeit in einem Treuhandbüro bedeutet

Eine deutsche Stadtverwaltung ist kein Schweizer KMU, und eine Kommune mit zwei- bis dreihundert Fachverfahren hat andere Sorgen als ein Büro mit fünfzehn Leuten. Der Mechanismus ist trotzdem derselbe.

Was in Nettetal die Fachverfahren sind, heisst in einem Betrieb Branchensoftware. Keines dieser Programme kommt von Microsoft. Alle setzen Microsoft voraus.

In der VerwaltungIm BetriebWas ohne Office passiert
Fachverfahren WohngeldTreuhandsoftwareDer Abschluss wird gerechnet, aber niemand öffnet die Mappe
Fachverfahren MeldewesenPraxissoftwareDer Bericht entsteht, aber niemand liest ihn
Fachverfahren BauanträgeKanzleisoftwareDer Serienbrief wird gebaut, aber geht nirgendwohin
Fachverfahren PersonalLohnbuchhaltungDie Auswertung landet in einem Blatt, das keiner bearbeiten kann

Fällt die Office-Umgebung aus, arbeiten diese Programme im ersten Moment weiter und liefern in ein Vakuum. Genau das meint Rode mit den ersten vierundzwanzig Stunden, und genau das lässt sich für den eigenen Betrieb in einer halben Stunde durchrechnen.

Die Frage lautet nicht: Wie gut ist Microsoft 365? Sie lautet: Welcher unserer Abläufe steht als Erster still, und wie lange halten wir das aus?

Kein Schweizer Sonderweg

Im September ging es an dieser Stelle um die Schweiz. Das Kommando Cyber der Armee ersetzt Microsoft 365 bis Oktober durch eine quelloffene Umgebung, und die Bundeskanzlei hat am 2. September ein Programm für einen digital souveränen Arbeitsplatz gestartet, nachdem 172 Mitarbeitende eine Alternative im Browser getestet hatten. Wie dieser erste Schritt aussieht, stand im letzten Teil jener Reihe.

Wer das gelesen hat, konnte den Eindruck bekommen, hier arbeite ein kleines Land an seinem eigenen Weg. Der Blick nach Nordrhein-Westfalen zeigt das Gegenteil. Dieselbe Abhängigkeit, dieselbe Frage, dieselbe Schwierigkeit beim Lösen, nur in einem anderen Rechtsraum und mit anderen Zahlen.

Datensouveränität ist kein Schweizer Thema mit Schweizer Antwort. Sie ist ein europäisches Thema, auf das es inzwischen mehrere Antworten gibt. Eine davon kommt aus der Schweiz.

Was in dieser Reihe noch kommt

Diese vier Teile erzählen eine Entwicklung, keine Produktgeschichte.

  • Teil 2 fragt, warum kaum jemand aussteigt, obwohl fast alle die Abhängigkeit sehen. Die Antwort hat wenig mit Bequemlichkeit zu tun und viel mit Schnittstellen, Personal und Jahreszahlen.
  • Teil 3 sieht sich an, was tatsächlich am Markt ist. Das Fachmagazin c’t hat im September fünf schlüsselfertige europäische Alternativen zu Microsoft 365 und Google Workspace nebeneinandergestellt, darunter die kSuite von Infomaniak aus der Schweiz.
  • Teil 4 stellt die Frage, die bei jedem Vertrag zu früh kommt und deshalb nie gestellt wird: Was kostet es uns, wenn wir in drei Jahren wechseln wollen?

Bis dahin genügt eine Übung, für die niemand ein Budget braucht. Schreiben Sie auf, welche Ihrer Programme eine Microsoft-Umgebung voraussetzen. Nicht welche von Microsoft stammen, sondern welche sie voraussetzen. Die Liste fällt in den meisten Betrieben länger aus als erwartet.

Häufige Fragen zur Cloud-Abhängigkeit

Geht es darum, dass die USA Deutschland oder der Schweiz die Software abschalten?

Nein. Das Szenario dient dem IT-Leiter von Nettetal als Messlatte, nicht als Prognose. Wer wissen will, wie abhängig er ist, denkt den Ausfall einmal zu Ende, so wie man eine Brandschutzübung macht, ohne mit einem Brand zu rechnen.

Ist Microsoft 365 also ein schlechtes Produkt?

Nein, und das sagt auch niemand in dieser Recherche. Die Programme funktionieren, und die enge Verzahnung ist ein technischer Vorzug. Genau diese Verzahnung ist es aber, die im Ausfall zur Kette wird.

Gilt das auch für kleine Betriebe?

Ja, mit anderem Vorzeichen. Kleine Betriebe haben weniger Programme, dafür oft keinen Ersatzweg und niemanden, der ihn kennt. Grosse Organisationen haben beides, brauchen aber Jahre für eine Umstellung.

Betrifft das die Schweiz, wenn die Recherche aus Deutschland kommt?

Die Zahlen stammen aus Nordrhein-Westfalen, die Abhängigkeit nicht. Schweizer Betriebe arbeiten mit denselben Office-Programmen und mit Branchensoftware, die dieselbe Umgebung voraussetzt.


Teil 1 von 4 der Reihe «Kein Schweizer Sonderweg». Quellen: WDR, «NRW-Städte wollen von US-Konzernen unabhängig werden», 18. September 2026, Sendung Westpol vom 20. September 2026; c’t uplink, «Microsoft-Alternativen: Open-Source-Software aus Europa», 12. September 2026.

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