US-Cloud verlassen: Der Umzug hat begonnen – von Genf bis Paris

US-Cloud verlassen

Wer heute die US-Cloud verlassen will, ist kein Exot mehr. Am 9. Juli 2026 hat der Kanton Genf als erster Schweizer Kanton eine Strategie für digitale Souveränität verabschiedet. Kein Positionspapier, kein Prüfauftrag – ein Beschluss. Die Kantonsverwaltung legt fest, nach welchen Grundsätzen sie künftig über Cloud, KI und Open Source entscheidet. Einer dieser Grundsätze hat es in sich: Abhängigkeiten von einzelnen Technologieanbietern vermeiden, «die sich später nur schwer rückgängig machen lassen».

Genf ist damit nicht allein. Es reiht sich ein in eine Bewegung, die 2026 sichtbar geworden ist – mit Namen, Zahlen und Beschlüssen. Und die für Schweizer Unternehmerinnen und Unternehmer eine unbequeme Frage aufwirft: Wenn Verwaltungen mit Millionenbudgets und ganzen Rechtsdiensten diesen Schritt gehen – was wissen die, was Sie noch prüfen?

Die Fälle 2026: eine Bewegung mit Namen

Was lange als theoretische Debatte lief, hat inzwischen Adressen. In Mecklenburg-Vorpommern ersetzt die Landesverwaltung Microsoft SharePoint durch eine Plattform auf Nextcloud-Basis – 5’000 Mitarbeitende arbeiten bereits damit, der Ausbau auf 50’000 ist beschlossen, inklusive Chat und Videokonferenzen. Frankreich vergibt den Betrieb seines nationalen Gesundheitsdaten-Hubs ab 2026 an den europäischen Anbieter Scaleway – zuvor lagen diese Daten bei Microsoft Azure, was jahrelang rechtlich umstritten war. Und in Bern will ein Bundesamt US-Cloudanbieter bei einer Beschaffung explizit ausschliessen; der Ständerat fordert gleich ein ganzes Impulsprogramm für digitale Souveränität.

WerWasStatus 2026
Kanton GenfStrategie für digitale Souveränität: Kontrolle, Schutzbedarf, ReversibilitätBeschlossen am 9. Juli
Mecklenburg-VorpommernSharePoint raus, Nextcloud rein5’000 Nutzer aktiv, 50’000 geplant
FrankreichNationaler Gesundheitsdaten-Hub von Azure zu ScalewayVergabe ab 2026
Schweizer BundesamtUS-Cloudanbieter aus Beschaffung ausgeschlossenIn Umsetzung
Internationaler StrafgerichtshofNach Postfach-Sperrung auf quelloffene Lösung umgestiegenSeit Oktober 2025

Den Fall des Strafgerichtshofs habe ich im ersten Teil der letzten Serie ausführlich erzählt. Damals war er der Weckruf. Heute, ein Jahr später, ist aus dem Weckruf eine Wanderung geworden. Dass gleichzeitig die rechtliche Grundlage für Datentransfers in die USA erneut wackelt – ein Urteil des US Supreme Court stellt die Unabhängigkeit der Aufsichtsbehörde hinter dem EU-US-Datenabkommen in Frage –, beschleunigt die Sache nur noch. Aber es ist nicht mehr der Grund. Der Grund ist einfacher: Die Alternativen sind da, und sie funktionieren.

Was wissen die, was Sie noch prüfen?

Interessant an der Genfer Strategie ist weniger das Dokument als die Denkweise dahinter. Der Kanton bewertet jeden digitalen Dienst nach drei Fragen: Wie schützenswert sind die Daten? Wer kontrolliert das System? Und – die unterschätzteste Frage – kommen wir da wieder raus, wenn wir wollen?

Diese dritte Frage ist der Kern. Genf nennt digitale Souveränität ausdrücklich ein Führungs- und Governance-Thema, nicht ein technisches. Das deckt sich mit dem, was ich seit Jahren in Gesprächen mit KMU erlebe: Die Entscheidung über den Cloud-Anbieter ist eine Entscheidung über die eigene Handlungsfreiheit. Sie gehört auf den Tisch der Geschäftsleitung – und genau dorthin haben die Genfer sie gelegt.

Ihr KMU ist beweglicher als jede Verwaltung

Vielleicht denken Sie: Schön für Genf – aber ein Kanton hat ein Informatikamt und ich habe einen IT-Dienstleister und wenig Zeit. Das Argument dreht sich bei näherem Hinsehen um. Eine Verwaltung braucht für diesen Schritt eine Strategie, eine Vernehmlassung und Jahre. Sie muss Betriebsautomatisierung, Telefonie und Fachanwendungen für Zehntausende ablösen.

Ein Betrieb mit fünf bis fünfzig Mitarbeitenden hat dieses Problem nicht. Sein Kern-Arbeitsplatz besteht aus E-Mail, Kalender, Dateien, Videokonferenzen und Office-Dokumenten. Genau dieser Stack ist heute vollständig aus der Schweiz verfügbar: Ich arbeite dafür mit der kSuite von Infomaniak – kMail, kDrive, kMeet –, betrieben in eigenen Rechenzentren in Genf und Winterthur, ohne US-Hyperscaler im Hintergrund. Der Gründer hat die Stimmrechtsmehrheit an eine gemeinnützige Stiftung übertragen; das Unternehmen kann nicht einfach verkauft werden. Und wer an Word und Excel hängt, arbeitet hybrid einfach weiter damit – umlernen muss niemand.

Dieselbe Prüffrage stellt sich inzwischen bei Werkzeugen, die vor zwei Jahren noch niemand auf dem Radar hatte: Welche KI darf Ihre Geschäftsdaten überhaupt sehen? Wer seinen Arbeitsplatz in die Schweiz holt, beantwortet diese Frage gleich mit – statt sie später nachzuholen.

Der Unterschied zwischen Ihnen und Genf liegt also nicht im Risiko und nicht in den Möglichkeiten. Er liegt im Tempo: Was der Kanton in Jahren plant, schafft ein KMU in Wochen.

Der erste Schritt ist eine Frage, kein Projekt

Sie müssen nicht morgen zügeln. Aber die Genfer Prüffragen kann sich jede Geschäftsleitung noch diese Woche stellen: Welche unserer Daten sind besonders schützenswert? Wer kontrolliert die Systeme, auf denen sie liegen? Und kämen wir da wieder raus, wenn wir wollten – zu welchem Preis?

Wer diese drei Fragen ehrlich beantwortet, hat mehr Souveränitätsstrategie als die meisten Unternehmen im Land. Und eine bessere Ausgangslage als jede Verwaltung: Sie können handeln, sobald Sie entschieden haben.

Wenn Sie wissen möchten, wo Ihr Unternehmen bei diesen drei Fragen steht, biete ich ein kostenloses Erstgespräch von 20 Minuten an.

Dieser Beitrag ist Teil 1 einer dreiteiligen Serie über den Aufbruch in die souveräne Cloud. Teil 2 räumt mit drei Mythen auf, die 2026 gefallen sind – unter anderem mit der Frage, warum ausgerechnet Zürich seinen Microsoft-Ausstieg verschoben hat und was daraus zu lernen ist.

Häufige Fragen zum Thema US-Cloud verlassen

Warum verlassen 2026 so viele Organisationen die US-Cloud?

Drei Gründe wirken zusammen: reale Vorfälle wie die Postfach-Sperrung beim Internationalen Strafgerichtshof, wachsende rechtliche Unsicherheit bei Datentransfers in die USA – und ausgereifte europäische und Schweizer Alternativen. Der Wechsel ist damit vom Risiko-Entscheid zum Vernunft-Entscheid geworden.

Was steht in der Genfer Strategie für digitale Souveränität?

Der Kanton Genf bewertet digitale Dienste künftig nach Schutzbedarf der Daten, Kontrolle über die Systeme und Umkehrbarkeit der Anbieterwahl. Abhängigkeiten, die sich schwer rückgängig machen lassen, sollen vermieden werden. Souveränität wird als Führungsthema definiert, nicht als IT-Detail.

Kann ein kleines KMU denselben Schritt gehen wie eine Verwaltung?

Ja – und meist schneller. Ein KMU braucht keine Betriebsautomatisierung oder Telefonie aus einer Hand wie eine Stadtverwaltung. Der typische Arbeits-Stack aus E-Mail, Kalender, Dateien, Meetings und Office ist mit einer Schweizer Lösung wie der Infomaniak kSuite vollständig abgedeckt, in Etappen und ohne Umlernen.

Was ist der erste Schritt, um die US-Cloud zu verlassen?

Keine Migration, sondern eine Standortbestimmung mit drei Fragen: Welche Daten sind besonders schützenswert? Wer kontrolliert die Systeme? Und wie leicht kommt man wieder heraus? Danach folgt ein Pilot mit einem Team – der eigentliche Umzug läuft in Etappen, E-Mail zuerst.

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