Ein Kanton braucht für digitale Souveränität ein Strategiepapier, eine Vernehmlassung und Jahre. Ihre Agentur braucht einen Cloud Migration 90-Tage-Plan und ein Quartal. Das ist keine Übertreibung, sondern eine Frage des Zuschnitts – und der Kern dieses dritten und letzten Teils.
In Teil 1 ging es um die Bewegung: der Kanton Genf, Mecklenburg-Vorpommern, Frankreich, ein Bundesamt in Bern. In Teil 2 um die drei Einwände, die 2026 gefallen sind – und darum, warum ausgerechnet Zürich seinen Ausstieg verschoben hat. Jetzt folgt der Teil, nach dem ich am häufigsten gefragt werde: Wie sieht das konkret aus, Woche für Woche?
Was Genf entschieden hat – und was davon auf Ihr Haus passt
Die Genfer Strategie vom 9. Juli 2026 lässt sich auf drei Prüffragen eindampfen: Wie schützenswert sind die Daten? Wer kontrolliert das System? Und kommen wir wieder heraus, wenn wir wollen?
Für eine Verwaltung sind das drei Fragen an ein ganzes Nervensystem aus Fachanwendungen, Telefonie und Betriebsautomatisierung. Für eine Agentur oder Beratung mit fünf bis fünfzig Leuten sind es drei Fragen an fünf Dienste: E-Mail, Dateiablage, Teilen mit Kunden, Meetings, Dokumente. Dieselbe Denkweise, ein Bruchteil des Umfangs.
Der Plan unten macht nichts anderes, als diese drei Fragen in eine Reihenfolge zu bringen. Er ist bewusst nicht auf Tempo gebaut, sondern auf Umkehrbarkeit: An jedem Punkt können Sie anhalten, ohne dass ein Kundenprojekt wartet.
Der Cloud Migration 90-Tage-Plan im Überblick
| Zeitraum | Was passiert | Woran Sie merken, dass die Etappe sitzt |
|---|---|---|
| Tage 1–30 | Standortbestimmung, Entscheid in der Geschäftsleitung, Pilotgruppe benennen | Sie können sagen, welche Kundendaten heute bei wem liegen |
| Tage 31–60 | Dateiablage und Kunden-Sharing zügeln, Pilotgruppe arbeitet produktiv | Neue Projekte entstehen nur noch in der Schweizer Ablage |
| Tage 61–90 | E-Mail, Kalender und Dokumente nachziehen, Altsystem abbestellen | Das alte Abonnement ist gekündigt, nicht bloss ungenutzt |
Drei Etappen zu je einem Monat. Alte und neue Umgebung laufen dabei durchgehend parallel – das ist keine Übergangslösung, sondern die Sicherheitsleine.
Tage 1–30: Standortbestimmung statt Projekt
Der erste Monat enthält keine einzige Migration. Er beantwortet die erste Genfer Frage: Wo liegt eigentlich was?
In der Praxis ist das eine Liste, die in einer Stunde entsteht und trotzdem fast immer überrascht: Welche Dienste nutzen wir, wer hat dort Zugriff, welche Kundendaten laufen durch? Erfahrungsgemäss tauchen dabei zwei bis drei Dienste auf, die niemand bewusst eingeführt hat – ein Dateidienst aus einem alten Projekt, das Konto eines längst ausgeschiedenen Freelancers, ein Freigabelink ohne Ablaufdatum.
Dann folgt der Entscheid – und der gehört in die Geschäftsleitung, nicht in die IT. Genf nennt digitale Souveränität ausdrücklich ein Führungsthema; warum das keine Formsache ist, habe ich an anderer Stelle ausgeführt. Am Ende des Monats steht eine Pilotgruppe: zwei bis vier Personen, die ab Tag 31 im neuen System arbeiten.
Tage 31–60: Der erste Umzug ist die Dateiablage
Warum nicht die E-Mail zuerst? Weil die Dateiablage den sichtbarsten Nutzen bei kleinstem Risiko bringt. Ein falsch umgezogener Ordner ist ärgerlich. Eine falsch umgezogene Mailadresse ist ein verpasstes Briefing.
Konkret: Die Pilotgruppe legt neue Projekte ab Tag 31 nur noch in der Schweizer Ablage an – ich arbeite dafür mit kDrive aus der kSuite von Infomaniak, betrieben in eigenen Rechenzentren in Genf und Winterthur, ohne US-Hyperscaler im Hintergrund. Laufende Projekte bleiben, wo sie sind, bis sie abgeschlossen sind. Neue Kundenfreigaben laufen ab sofort über Links mit Ablaufdatum.
Das ist auch der Moment, in dem das Vertrauensargument zum ersten Mal trägt: Ab jetzt können Sie einem Kunden aus einer regulierten Branche sagen, wo seine Daten liegen – und es belegen. Wie das im Alltag einer Agentur aussieht, steht auf der Branchenseite für Agenturen und Beratungen.
Tage 61–90: E-Mail, Kalender – und der Punkt, an dem es kippt
Im dritten Monat folgt der Rest: Postfächer, Kalender, Dokumentbearbeitung. Technisch ist das der aufwändigste Teil, organisatorisch der ruhigste – weil das Team die neue Umgebung inzwischen kennt und niemand mehr ins kalte Wasser geworfen wird.
Der eigentliche Meilenstein ist ein anderer, und er ist unspektakulär: der Tag, an dem Sie das alte Abonnement kündigen. Solange es weiterläuft, ist der Wechsel nicht abgeschlossen, sondern verdoppelt. Erfahrungsgemäss ist das der Schritt, den Häuser am längsten vor sich herschieben – und der einzige, der die Rechnung überhaupt aufgehen lässt. Was ein Wechsel kostet und ab wann er sich trägt, habe ich separat aufgeschlüsselt.
Was in diesen 90 Tagen schiefgehen kann
Ein Plan, in dem nichts schiefgeht, ist kein Plan, sondern ein Prospekt. Drei Dinge gehen in der Praxis am häufigsten daneben:
- Makrolastige Excel-Modelle. Der unabhängige Praxistest des Fachdienstes InfoSwitch bewertet die kSuite gesamthaft mit 4 von 5 und die Sicherheit mit 5 von 5, benennt aber Grenzen bei sehr makrolastigen Tabellen. Wer sein halbes Geschäft in solchen Modellen betreibt, prüft diesen einen Punkt in Woche 1 – nicht in Woche 9.
- Vergessene Freigabelinks. Alte Links auf den alten Dienst funktionieren weiter, auch wenn intern längst alle umgezogen sind. Sie gehören auf dieselbe Liste wie die Dienste selbst – und dort auch abgehakt.
- Freelancer und externe Mitarbeitende. Sie stehen selten im Verteiler, wenn umgestellt wird, und arbeiten dann monatelang in der alten Umgebung weiter. In einer Branche, die mit freien Kräften arbeitet, ist das der häufigste stille Fehler.
Alle drei sind planbar. Keines davon ist ein Grund, nicht anzufangen.
Was nach den 90 Tagen bleibt
Die dritte Genfer Frage – kommen wir wieder heraus? – beantwortet man am besten dann, wenn man die Antwort nicht braucht. Halten Sie am Ende schriftlich fest, wo Ihre Daten liegen, in welchen Formaten sie sich exportieren lassen und wer im Haus die Zugänge verwaltet. Eine Seite genügt.
Damit haben Sie, was Genf mit einem ganzen Strategiepapier geregelt hat: nicht ein Dokument, sondern eine Entscheidung, die Sie jederzeit zurücknehmen könnten. Genau das ist Souveränität – nicht der Anbieter, sondern die Wahlfreiheit.
Wenn Sie wissen möchten, wo Ihr Haus in diesen 90 Tagen steht, biete ich einen kostenlosen Cloud-Risiko-Check und ein Erstgespräch von 20 Minuten an.
Dieser Beitrag schliesst die dreiteilige Serie über den Aufbruch in die souveräne Cloud ab. Teil 1 sammelt die Fälle des Jahres 2026 mit Zahlen und Quellen, Teil 2 räumt mit drei Einwänden auf – darunter dem, dass ein Wechsel ein Big Bang sein müsse.
Häufige Fragen zum Cloud Migration 90-Tage-Plan
Dauert eine Cloud Migration für eine Agentur wirklich 90 Tage?
Die technischen Umzüge dauern Wochen, nicht Monate. Die 90 Tage sind bewusst grosszügig gerechnet: Sie enthalten die Standortbestimmung, den Entscheid, eine Pilotphase und eine Zeit, in der altes und neues System parallel laufen. Wer schneller sein will, kann es – wer nebenbei Kundenprojekte liefert, ist mit einem Quartal realistisch unterwegs.
Warum beginnt der Plan bei der Dateiablage und nicht bei der E-Mail?
Weil dort der Nutzen am schnellsten sichtbar und das Risiko am kleinsten ist. Die Dateiablage ist zugleich der Ort, an dem Kundendaten am häufigsten geteilt werden – das Vertrauensargument gegenüber Auftraggebern trägt also sofort. Die E-Mail folgt, wenn das Fundament steht und das Team die neue Umgebung kennt.
Können wir während der Migration normal weiterarbeiten?
Ja. Alte und neue Umgebung laufen während des ganzen Zeitraums parallel. Laufende Projekte bleiben bis zum Abschluss dort, wo sie begonnen wurden; nur neue Projekte entstehen im neuen System. Kein Kunde wartet, und kein Team muss an einem Stichtag umschalten.
Was passiert, wenn wir nach 90 Tagen doch zurückwollen?
Dann gehen Sie zurück. Genau dafür steht die dritte Prüffrage aus der Genfer Strategie: Eine Entscheidung ist nur dann souverän, wenn sie umkehrbar bleibt. Deshalb gehört ans Ende der 90 Tage eine kurze schriftliche Übersicht, in welchen Formaten sich Ihre Daten exportieren lassen und wer die Zugänge verwaltet.





