Bis Oktober arbeiten die Cyberspezialisten der Schweizer Armee nicht mehr mit Microsoft 365. Wer seine Microsoft Abhängigkeit reduzieren will, findet in dieser Meldung mehr als eine Behördennotiz: Sie zeigt, wie eine Organisation mit sehr hohen Anforderungen den Unterschied zwischen einem guten Produkt und einer tragfähigen Abhängigkeit auseinanderhält. Genau das ist die Frage, um die es in dieser vierteiligen Serie geht.
Teil 1 von 4 der Reihe «Die Schweizer Armee geht auf Distanz zu Microsoft — was Unternehmen daraus lernen können».
Was das Kommando Cyber im Juli entschieden hat
Am 9. Juli 2026 machte die «Republik» publik, dass das Kommando Cyber der Schweizer Armee auf eine quelloffene Arbeitsumgebung umstellt. Netzwoche, inside-it, Blick und Watson zogen am 13. Juli nach, die Bundeskanzlei bestätigte die Angaben. Eingesetzt wird OpenDesk, ein Paket des deutschen Zentrums für Digitale Souveränität, das vollständig der öffentlichen Hand gehört. Es umfasst Textbearbeitung, E-Mail, Kalender, Dateiablage, Videokonferenz und Chat.
Ein Detail ist dabei wichtig, weil es in der ersten Berichterstattung unterging und später korrigiert wurde: Bis Oktober werden zuerst jene Mitarbeitenden umgestellt, deren Identität besonders schützenswert ist. Das Ziel, alle Cybereinheiten auf OpenDesk zu bringen, bleibt bestehen — aber es ist kein Stichtag für die ganze Armee. Wer die Meldung als «Armee wirft Microsoft raus» liest, liest sie falsch.
Der Schritt kommt nicht aus dem Nichts. Im Oktober 2025 veröffentlichte die «Republik» einen Brief des damaligen Armeechefs Thomas Süssli, der von der Bundeskanzlei eine Alternative zu den Microsoft-Werkzeugen verlangte. Im Dezember 2025 sprach das Parlament zehn Millionen Franken, verbunden mit dem Auftrag, an europäischen Open-Source-Lösungen mitzuarbeiten. Die Mehrheit dafür beschafften Gerhard Andrey von den Grünen und Werner Salzmann von der SVP gemeinsam. Bei diesem Thema verlaufen die Fronten nicht zwischen den Parteien.
Der Satz, der diese Meldung von einer Kampagne unterscheidet
Simon Müller, Chef des Kommandos Cyber, sagt im Gespräch mit der «Republik» einen Satz, den ich für den wichtigsten der ganzen Geschichte halte:
«Microsoft 365 ist eine sehr gute Lösung, aber für eine Armee wie uns, die einen höheren Anspruch an Vertraulichkeit, Verfügbarkeit und Integrität ihrer Daten stellt, ist sie nicht geeignet.»
Hier polemisiert niemand. Da lobt der oberste Cyberverantwortliche der Armee ein Produkt und sagt im selben Atemzug, dass es für seinen Zweck nicht passt. Das ist keine Abrechnung, sondern eine Anforderungsanalyse. Und es ist die Haltung, die ich Ihnen in dieser Serie nahelegen möchte: Die Frage ist nie, ob ein Anbieter gut ist. Die Frage ist, ob er zu dem passt, was Sie zu schützen haben.
Müller nennt zwei konkrete Sorgen. Die eine ist die Möglichkeit, dass Software unbemerkt Daten an ausländische Stellen meldet. Die andere ist banaler und trifft jedes Unternehmen: dass ein Hersteller «eine super aggressive Lizenzstrategie fährt» und man dieser Strategie ausgeliefert bleibt. Wer in den letzten drei Jahren eine Cloud-Rechnung geprüft hat, weiss, wovon er spricht.
Und gleichzeitig: 54’000 Arbeitsplätze auf Microsoft 365
Jetzt kommt der Teil, der auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Während die Cybereinheiten aussteigen, hat die Bundesverwaltung Microsoft 365 flächendeckend eingeführt. Mitte Dezember 2025 meldete sie den Rollout auf rund 54’000 Arbeitsplätzen als abgeschlossen. Begonnen hatte er im Oktober 2024.
Und dann, im April 2026, bestätigte ein Sprecher der Bundeskanzlei der «NZZ am Sonntag»: «Die Bundesverwaltung strebt an, ihre Abhängigkeit von Microsoft schrittweise und langfristig zu reduzieren.» Eine Machbarkeitsstudie zeige, dass sich die Produkte durch quelloffene Software ersetzen lassen.
| Zeitpunkt | Was geschah |
|---|---|
| Oktober 2024 | Beginn der Einführung von Microsoft 365 in der Bundesverwaltung |
| Oktober 2025 | Armeechef Süssli verlangt schriftlich eine Alternative |
| Dezember 2025 | Parlament spricht zehn Millionen Franken für Open-Source-Arbeit der Armee |
| Mitte Dezember 2025 | Rollout auf rund 54’000 Arbeitsplätzen abgeschlossen |
| April 2026 | Bundeskanzlei bestätigt: Abhängigkeit soll schrittweise sinken |
| Juli 2026 | Kommando Cyber stellt auf OpenDesk um, Frist Oktober |
Zwei Bewegungen, die in dieselbe Richtung zeigen und nur unterschiedlich schnell sind. Ein Bundesamt für Topografie kann geologische Karten in einem amerikanischen Rechenzentrum verarbeiten lassen, ohne dass jemand schlecht schläft. Eine Einheit, die verdeckte Operationen plant, kann das nicht. Derselbe Arbeitgeber, völlig verschiedener Schutzbedarf.
Der Bericht, der seit Mitte August fällig wäre
Die erwähnte Machbarkeitsstudie hat einen Namen: BOSS, Büroautomation mit Open-Source-Software. Seit Anfang 2025 läuft dazu ein Proof of Concept der Bundeskanzlei, mit Testnutzenden aus allen Departementen. Er verfolgt zwei Zwecke: eine Notfalllösung, falls Microsoft 365 ausfällt, und die sichere Bearbeitung von Unterlagen mit geschütztem Inhalt. Dazu kommt die Frage, ob eine Exit-Strategie für Microsoft 365 überhaupt machbar wäre.
Die Empfehlungen sollten Ende Juni 2026 zuhanden von Bundesrat und Parlament vorliegen. Der Bundesrat kam vor der Sommerpause nicht mehr dazu, worauf die Kommunikation auf Mitte August vertagt wurde. Ich habe am 23. August nachgesehen: Die Projektseite der Bundeskanzlei steht weiterhin auf dem Stand April 2026, publiziert ist nichts.
Das ist keine Verschwörung, sondern der normale Takt einer Verwaltung. Es sagt aber etwas über die Zeitskala. Während der Bund noch auf ein Papier wartet, hat eine einzelne Einheit die Umstellung bereits terminiert. Kleine Organisationen sind schneller als grosse. Das gilt für das Kommando Cyber gegenüber der Bundesverwaltung genauso wie für Ihr Unternehmen gegenüber beiden.
Warum ausgerechnet das Kommando Cyber es kann
Die ehrliche Lesart gehört dazu, sonst wird aus einer Beobachtung ein Verkaufsargument. Die Cyberspezialisten haben zwei Vorteile, die den meisten fehlen. Ihre kritischen Daten liegen ohnehin in eigenen Rechenzentren, ein Cloud-Problem hatten sie also gar nie. Und sie können selbst Hand anlegen, wenn eine Komponente nicht passt.
Dass das nicht überall gilt, hat die Stadt Zürich im Mai 2026 vorgerechnet, als sie ihren Ausstieg verschob. Was ihr im Gesamtpaket fehlte, habe ich an anderer Stelle aufgeschlüsselt. Eine Umstellung ist also weder ein Schalter noch ein Glaubensbekenntnis. Sie ist eine Frage von Zuschnitt und Vorbereitung.
Microsoft nutzen und die Microsoft Abhängigkeit reduzieren sind zwei verschiedene Dinge
Damit sind wir beim Kern. Der Bund tut beides gleichzeitig, und das ist kein Widerspruch, sondern der ganze Punkt. Ein Werkzeug einzusetzen und für den Fall vorzusorgen, dass es wegfällt, sich verteuert oder rechtlich unbrauchbar wird — das ist keine Abkehr, sondern Risikomanagement.
Der Unterschied lässt sich an einer einzigen Frage festmachen: Was passiert bei Ihnen, wenn ein Anbieter morgen die Bedingungen ändert? Wer darauf eine Antwort hat, nutzt Microsoft. Wer keine hat, ist abhängig. Beides kann mit derselben Software beginnen und an ganz verschiedenen Orten enden.
In den Gesprächen, die ich mit Inhaberinnen und Inhabern führe, zeigt sich das immer an denselben Stellen. Niemand weiss aus dem Kopf, in welchen Formaten sich die eigenen Daten exportieren lassen. Kaum jemand hat die Freigabelinks im Blick, die vor zwei Jahren einmal gesetzt wurden. Und die Frage, wer im Haus die administrativen Zugänge verwaltet, führt erstaunlich oft zu einer Pause im Gespräch. Das sind keine technischen Mängel. Das sind offene Führungsfragen — worauf es dabei ankommt, habe ich früher beschrieben.
Wie es in dieser Serie weitergeht
Dieser erste Teil hält den Fall fest. Die nächsten drei übertragen ihn auf Ihr Haus: Teil 2 fragt, warum die Überlegung der Armee ein Unternehmen genauso betrifft. Teil 3 klärt, wer im Betrieb eigentlich darüber entscheidet und warum die Antwort selten in der IT liegt. Teil 4 zeigt den praktischen Weg, Etappe für Etappe.
Bis dahin lohnt sich eine Frage, die Sie heute in zehn Minuten beantworten können: Wenn die Schweizer Armee ihre Abhängigkeit prüft — wie abhängig ist eigentlich Ihr Unternehmen? Wer sich 2026 sonst noch bewegt hat, ist ein guter Vergleichsmassstab.
Teil 2 erscheint kommenden Dienstag.
Häufige Fragen
Steigt die Schweizer Armee komplett aus Microsoft 365 aus?
Nein. Betroffen ist das Kommando Cyber, nicht die ganze Armee. Bis Oktober 2026 werden zuerst jene Mitarbeitenden auf OpenDesk umgestellt, deren Identität besonders schützenswert ist. Das erklärte Ziel ist, alle Cybereinheiten nachzuziehen. Für die übrige Bundesverwaltung bleibt Microsoft 365 vorerst der Standarddienst.
Was ist OpenDesk?
OpenDesk ist eine quelloffene Arbeitsumgebung für Verwaltungen, verantwortet vom deutschen Zentrum für Digitale Souveränität. Das Zentrum ist eine GmbH, die vollständig der öffentlichen Hand gehört. Enthalten sind unter anderem Dokumentbearbeitung, E-Mail, Kalender, Dateiablage, Projektmanagement, Chat und Videokonferenz. Die Schweizer Bundeskanzlei testet OpenDesk im Rahmen der Machbarkeitsstudie BOSS.
Wie kann ein KMU seine Microsoft Abhängigkeit reduzieren?
Nicht mit einem Wechsel als erstem Schritt, sondern mit einer Bestandsaufnahme. Welche Dienste sind im Einsatz, welche Daten laufen durch, in welchen Formaten liessen sie sich exportieren und wer verwaltet die administrativen Zugänge? Diese Liste entsteht meist in einer Stunde. Erst danach lässt sich beurteilen, welche Abhängigkeit tragbar ist und welche nicht.
Ist Microsoft 365 damit unsicher?
Diesen Schluss zieht auch die Armee nicht. Ihr Cyberchef nennt Microsoft 365 ausdrücklich eine sehr gute Lösung. Der Vorbehalt gilt dem Schutzbedarf einer Armee, nicht der Qualität des Produkts. Für ein Unternehmen lautet die Frage entsprechend nicht «sicher oder unsicher», sondern: Passt der Rechtsraum des Anbieters zu den Daten, die wir ihm anvertrauen?
Quellen
- Republik, 9. Juli 2026: Die Cyber-Spezialisten des Bundes kehren Microsoft den Rücken
- Bundeskanzlei: Machbarkeitsstudie PoC BOSS
- SRF, 19. April 2026: Abkehr von Microsoft: Bund will Abhängigkeit reduzieren
- Bundesverwaltung, Dezember 2025: Einführung von Microsoft 365 ist abgeschlossen
- Stadt Zürich, Mai 2026: Digitale Souveränität: Alternative zu Microsoft 365





