Cloud Exit-Strategie: die Frage, die auch Ihr Unternehmen betrifft

Notizblock mit den Stichworten Daten, Portabilität, Verträge und Ausstieg, daneben Schachfiguren auf einer Weltkarte und eine Tasse mit dem Satz «Souveränität heisst, den Verhandlungstisch verlassen zu können»; im Hintergrund Serverschränke

Als Broadcom Ende 2023 den Virtualisierungsanbieter VMware übernahm, änderte sich an der Software zunächst nichts. Was sich änderte, war die Rechnung. Ein Jahr später berichteten Kunden von Lizenzkosten, die sich vervielfacht hatten. Rechtlich war daran nichts zu beanstanden. Nur konnten viele Betriebe nicht gehen, weil ihr halber Maschinenpark daran hing. Dort beginnt eine Cloud Exit-Strategie: nicht beim Ausstieg, sondern bei der Frage, ob ein Ausstieg überhaupt möglich wäre.

Teil 2 von 4 der Reihe «Die Schweizer Armee geht auf Distanz zu Microsoft — was Unternehmen daraus lernen können».

Im ersten Teil ging es um das Kommando Cyber der Schweizer Armee, das bis Oktober auf eine quelloffene Arbeitsumgebung wechselt — mit der Begründung, Microsoft 365 sei zwar eine sehr gute Lösung, aber nicht passend für den eigenen Schutzbedarf. Diese Woche geht es darum, was diese Überlegung in einem Betrieb ohne Geheimschutzstufe zu suchen hat.

Was bei der Armee Landesverteidigung heisst, heisst bei Ihnen Geschäftskontinuität

Die Armee prüft ihre Abhängigkeit, weil sie im Ernstfall handlungsfähig bleiben muss. Ein Treuhandbüro prüft sie, weil im März die Abschlüsse fertig werden müssen. Der Anlass ist verschieden, die Mechanik ist dieselbe. Ein Dienst fällt aus, wird gesperrt, wird teurer oder rechtlich unbrauchbar — und die Frage lautet in beiden Fällen: Wie lange arbeiten wir dann noch?

Vier Fragen liegen darunter, und sie sind für ein Departement und für eine Zehn-Personen-Firma wortgleich. Wer kontrolliert die Daten. Wer kann den Dienst abschalten. Welchem Recht untersteht der Anbieter. Und wie schwierig wäre ein Wechsel. Die Antworten fallen unterschiedlich aus, die Fragen nicht.

Der Unterschied liegt woanders: Eine Verwaltung hat ein Sicherheitsdispositiv, das solche Fragen stellt. In einem KMU stellt sie oft niemand, weil niemand dafür zuständig ist. Die IT betreut den Betrieb, die Geschäftsleitung schaut auf den Umsatz, und die Frage nach dem Ausweichweg gehört zu keinem der beiden Bereiche so richtig dazu.

Die Zahlen, die es gibt — und für wen sie gelten

Es wird gerade viel mit einer Zahl geworben: Neun von zehn Unternehmen wollten ihre digitale Souveränität stärken. Sie stammt aus dem «Digital Excellence Outlook 2026» von valantic und dem Handelsblatt Research Institute, publiziert am 22. April 2026. Befragt wurden tausend Entscheiderinnen und Entscheider aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Man muss dazusagen, wen diese tausend darstellen: Unternehmen ab hundert Beschäftigten, ein Drittel davon über tausend, elf Prozent über fünftausend. Schwerpunkt Automobil, Pharma, Handel, Produktion, Telekommunikation, Logistik und Versorger. Das ist nicht die Schweizer KMU-Landschaft, und wer die Zahl trotzdem als «neun von zehn Unternehmen» in ein KMU-Gespräch trägt, verkauft eine fremde Erhebung als eigene Wahrheit. Brauchbar ist sie als Richtungsanzeige: In den grossen Häusern ist das Thema durch. Fast zwei Drittel der Befragten dort halten ihre digitale Abhängigkeit für kritisch für die eigene Wettbewerbsfähigkeit.

Für kleinere Betriebe gab es dazu lange gar nichts. Seit dem 24. Juli 2026 gibt es einen ersten Befund: David Presberger und Paolo Di Tommaso haben Vertreter von Schweizer Unternehmen, Verbänden und Politik interviewt und die Ergebnisse veröffentlicht. Sechzehn Gespräche, qualitativ, ausdrücklich nicht repräsentativ — die Autoren fordern selbst eine grössere Umfrage. Es ist trotzdem das Erste, was es zu Schweizer KMU und digitaler Souveränität gibt, und die Richtung ist eindeutig: Das Thema gilt dort nicht als Luxusproblem. Genannt wurden die Angst vor Abhängigkeit von grossen Anbietern, erlebte und erwartete Kostensteigerungen — und der Umstand, dass in die Preisvergleiche der Wert der eigenen Wechselfähigkeit gar nicht einfliesst.

Dazu kommt ein dritter Befund, der oft übersehen wird, weil er nicht von Unternehmen handelt, sondern von deren Kundschaft. Gfs.bern hat im Auftrag der Stiftung Mercator Schweiz gut tausend Personen befragt und die Ergebnisse im März 2026 vorgelegt: 82 Prozent halten die Abhängigkeit von internationalen Technologiekonzernen für zu gross, und fast vier von fünf würden den Aufbau eigener digitaler Infrastrukturen befürworten, auch wenn er teurer wäre. Das sind Ihre Kundinnen, Ihre Mitarbeitenden und Ihre Bewerber.

ErhebungWer wurde befragtKernbefundGrenze
valantic / HRI, April 20261’000 Entscheider DACH, Firmen ab 100 Beschäftigten90 % haben gehandelt oder planen MassnahmenGrossunternehmen, nicht KMU
Presberger / Di Tommaso, Juli 202616 Interviews, Schweizer Unternehmen und VerbändeSouveränität gilt als Chance, nicht als Kostenfaktorqualitativ, nicht repräsentativ
gfs.bern / Mercator, März 20261’018 Personen der Schweizer Wohnbevölkerung82 % finden die Abhängigkeit von Techkonzernen zu grossBevölkerung, nicht Unternehmen

Eine Cloud Exit-Strategie ist kein Ausstiegsplan

Der Begriff führt in die Irre, deshalb hier die nüchterne Fassung. Eine Exit-Strategie ist nicht der Entschluss zu gehen. Sie ist der belegte Nachweis, dass Sie gehen könnten — mit Ihren Daten, in einer brauchbaren Form, in einer Frist, die Ihr Geschäft aushält. Rolf Schumann, Digitalchef der Schwarz-Gruppe, hat das auf einen Satz gebracht, der besser trägt als jede Definition: Souveränität heisst, den Verhandlungstisch verlassen zu können.

Wer aufstehen kann, muss es nicht tun. Er verhandelt nur anders. Das ist der ganze Unterschied zwischen jemandem, der verhandelt, und jemandem, der zustimmt — bei identischem Vertrag und identischer Rechnung.

Daraus folgt auch, was nicht gemeint ist. Nicht jede Anwendung muss maximal souverän sein. Beim Newsletter-Versand oder der Kartendarstellung auf der Website ist die Abhängigkeit tragbar, weil ein Ausfall ärgerlich ist und sonst nichts. Zu bewerten sind die kritischen Abhängigkeiten, nicht alle. Wer alles gleich behandelt, kommt nie zu einem Entscheid.

Sieben Fragen, die Sie heute beantworten können

Diese Liste ist kein Fragebogen, sondern ein Selbsttest für eine halbe Stunde. Wo Sie zögern, liegt die Arbeit.

  • Können wir unsere Daten vollständig exportieren — und in welchem Format kommen sie heraus?
  • Wie lange könnten wir ohne unseren wichtigsten Cloud-Dienst arbeiten?
  • Gibt es für diesen Dienst überhaupt einen alternativen Anbieter, den wir kennen?
  • Liegen unsere Sicherungen unabhängig vom Hauptanbieter?
  • Wer im Haus hat Zugriff auf die administrativen Konten und die Schlüssel?
  • Wissen wir, welche Unterauftragnehmer unser Anbieter einsetzt?
  • Wäre ein Anbieterwechsel technisch und vertraglich realistisch — oder nur theoretisch?

In den Gesprächen, die ich führe, fällt die Antwort meist bei Frage eins und Frage fünf aus. Der Export ist noch nie jemand durchgegangen, und bei den administrativen Zugängen stellt sich heraus, dass der Dienstleister sie hält, der vor vier Jahren die Domäne eingerichtet hat. Beides ist kein Vorwurf. Beides ist bloss nie jemandem aufgefallen, weil nichts passiert ist.

Was gegen die ganze Übung spricht

Ehrlicherweise gehört das dazu. Wechselfähigkeit ist nicht gratis. Zwei Anbieter statt einem heissen zwei Verträge, zwei Anmeldewege und ein Team, das zweimal etwas lernen muss. Die Bequemlichkeit einer einzigen Anmeldung für alles ist ein echter Vorteil, kein Marketingversprechen — wo dieser Komfort in Abhängigkeit kippt, habe ich früher aufgeschrieben.

Dazu kommt: Die Belege für den KMU-Bereich sind dünn. Sechzehn Interviews sind ein Anfang und keine Statistik, und wer sich für ein Interview zu digitaler Souveränität Zeit nimmt, interessiert sich vermutlich ohnehin dafür. Wer aus dieser Erhebung eine Bewegung im Schweizer Mittelstand ableitet, überdehnt sie. Was sie zeigt, ist bescheidener und trotzdem brauchbar: Die Frage wird gestellt, und sie wird nicht als Spinnerei abgetan.

Bleibt der teuerste Einwand: kein Anlass. Solange die Rechnung stimmt und alles läuft, hat niemand einen Grund, den Ausweichweg zu prüfen. Das ist verständlich. Es ist auch der Zustand, in dem die VMware-Kunden Ende 2023 waren.

Wie es in dieser Serie weitergeht

Wenn Sie die sieben Fragen durchgegangen sind, kennen Sie Ihre offenen Punkte. Damit stellt sich die nächste, unbequemere Frage: Wer entscheidet darüber eigentlich? Teil 3 zeigt, warum die Antwort selten in der IT liegt und was passiert, wenn eine Geschäftsleitung diese Entscheidung an das Serverzimmer delegiert. Teil 4 zeigt dann den praktischen Weg, Etappe für Etappe.

Wo Daten liegen und wer im Zweifel darauf zugreift, ist längst keine technische Frage mehr. Bis nächste Woche.

Teil 3 erscheint kommenden Dienstag.

Häufige Fragen

Was ist eine Cloud Exit-Strategie?

Ein belegter Nachweis, dass ein Unternehmen seinen Cloud-Anbieter verlassen könnte, wenn es müsste: mit den eigenen Daten, in einem brauchbaren Format und in einer Frist, die der Betrieb aushält. Sie enthält keinen Entschluss zu wechseln. Sie hält fest, welche Dienste kritisch sind, wohin die Daten im Fall der Fälle gehen und wer im Haus die Schlüssel und administrativen Zugänge hält.

Braucht ein kleines Unternehmen wirklich eine Exit-Strategie?

Nicht für jeden Dienst. Für die zwei oder drei, ohne die am Montagmorgen niemand arbeiten kann, schon. Die Grösse des Betriebs ändert daran wenig — sie ändert nur den Aufwand. Ein Einzelunternehmen beantwortet die sieben Fragen in einer halben Stunde, ein Betrieb mit dreissig Personen braucht dafür einen Termin.

Heisst eine Exit-Strategie, dass wir Microsoft 365 verlassen müssen?

Nein. Die Bundesverwaltung tut beides gleichzeitig: Sie betreibt Microsoft 365 auf rund 54’000 Arbeitsplätzen und prüft parallel, ob ein Ausstieg machbar wäre. Ein Werkzeug zu nutzen und für den Fall vorzusorgen, dass es wegfällt oder sich verteuert, ist kein Widerspruch, sondern Risikomanagement.

Woran merke ich, dass wir zu abhängig sind?

An den Stellen, an denen das Gespräch stockt. Wenn niemand sagen kann, in welchem Format sich die Daten exportieren lassen, wenn die Sicherungen beim selben Anbieter liegen wie die Originale, oder wenn die administrativen Konten bei einem Dienstleister liegen, der seit Jahren nicht mehr im Haus war — dann ist die Abhängigkeit grösser als gedacht. Nicht weil etwas schiefgelaufen wäre, sondern weil nie jemand nachgesehen hat.

Quellen

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