Was ist Flex Routing — und warum ist es relevant?

Flex Routing ist eine Funktion innerhalb von Microsoft 365 Copilot. Sie greift dann, wenn Microsofts europäische Rechenzentren ausgelastet sind: In diesem Fall leitet Microsoft Ihre Anfragen — inklusive der zugehörigen Datenpakete — an Rechenzentren in anderen Regionen weiter.

Was dabei konkret übertragen werden kann, ist nicht trivial. Copilot greift auf Microsoft Graph zu, um seine Antworten zu generieren. Microsoft Graph wiederum bündelt Ihre gesamte Microsoft-365-Umgebung: E-Mails, Dokumente, Kalendereinträge, Teams-Konversationen, Metadaten. All das kann bei aktiviertem Flex Routing die europäische Datenzone verlassen.

Opt-out statt Opt-in: Microsoft hat Flex Routing ohne aktive Benachrichtigung der Kunden aktiviert. Wer widersprechen möchte, muss die Funktion selbst im Admin Center deaktivieren — und selbst dann dauert es laut Microsoft mehrere Tage, bis die Änderung greift.

Die Chronologie: Zwei Entscheidungen in einer Woche

Flex Routing ist nicht die einzige Änderung, die Microsoft in diesen Tagen einseitig eingeführt hat:

17. April 2026

Microsoft Flex Routing wird in Microsoft 365 Copilot standardmässig aktiviert. Bei Rechenzentrumsauslastung in Europa werden Anfragen inklusive Datenpaketen in die USA, Kanada oder Australien weitergeleitet. Keine aktive Kundenbenachrichtigung.

24. April 2026

GitHub Copilot beginnt, die Eingaben und Code-Snippets von Free-, Pro- und Pro+-Nutzern zum Training seiner KI-Modelle zu verwenden — auch aus privaten Repositories. Standardmässig aktiviert. Ausgenommen: nur Enterprise-Kunden.

Zwei Entscheidungen, eine Woche, dasselbe Muster: Änderungen, die Kunden direkt betreffen, werden ohne aktive Information eingeführt. Wer widersprechen will, muss es selbst herausfinden — und dann noch warten, bis die Abmeldung greift.

Microsofts Chefjurist hat letztes Jahr im französischen Senat unter Eid eingeräumt, europäische Daten nicht vor US-Zugriff schützen zu können. Damals galt das vielen noch als theoretisches Problem. Mit Flex Routing hat Microsoft aus der Theorie Infrastruktur gemacht.

Was bedeutet das konkret für Schweizer Unternehmen?

Für Schweizer Unternehmen ist die Ausgangslage besonders klar geregelt: Das revidierte Datenschutzgesetz (nDSG) verlangt, dass eine Übermittlung von Personendaten ins Ausland nur dann zulässig ist, wenn das Empfängerland ein angemessenes Datenschutzniveau bietet oder geeignete Garantien vorhanden sind.

Die USA gelten datenschutzrechtlich als problematisches Drittland — insbesondere wegen des US CLOUD Act, der US-Behörden unter bestimmten Voraussetzungen Zugriff auf Daten amerikanischer Unternehmen ermöglicht, unabhängig vom physischen Speicherort. Microsoft ist ein US-Unternehmen und unterliegt dem CLOUD Act.

💡 Für die Praxis: Wenn Sie Microsoft 365 Copilot nutzen und Flex Routing nicht aktiv deaktiviert haben, ist eine rechtskonforme Datenverarbeitung nach nDSG derzeit nicht sichergestellt. Dies sollten Sie mit Ihrer Datenschutzverantwortlichen Person oder Ihrem Rechtsdienst klären.

Das Muster dahinter

Was hier passiert, ist kein Einzelfall und kein Versehen. Es ist ein bewusstes Vorgehen, das sich in Microsofts Produktstrategie seit Jahren beobachten lässt: Datenschutzrelevante Funktionen werden standardmässig aktiviert. Wer widersprechen möchte, trägt die Bringschuld. Wer Enterprise-Kunde ist, wird oft bessergestellt — die grosse Mehrheit der kleinen und mittleren Unternehmen hingegen nicht.

Microsoft bewirbt gleichzeitig seine „Sovereign Cloud“ als Lösung für Datensouveränität. Flex Routing zeigt, wie weit diese Souveränität in der Praxis reicht: bis zur nächsten Auslastungsspitze im Rechenzentrum.

Was Sie jetzt tun können

Kurzfristig gibt es zwei Sofortmassnahmen:

  • Flex Routing deaktivieren: Microsoft 365 Admin Center → Einstellungen → Copilot → Datenverarbeitung. Beachten Sie: Die Deaktivierung braucht mehrere Tage, bis sie greift.
  • GitHub Copilot-Training abmelden: In den GitHub-Einstellungen unter „Copilot“ → „Policies“ → Training-Option deaktivieren (für Free/Pro/Pro+-Nutzer).

Mittelfristig stellt sich jedoch eine strategischere Frage: Wie viel strukturelle Abhängigkeit von einem US-Hyperscaler ist für Ihr Unternehmen vertretbar — nicht nur heute, sondern in drei oder fünf Jahren?

Datensouveränität ist keine IT-Entscheidung. Es ist eine Entscheidung darüber, welchen rechtlichen Risiken Sie Ihr Unternehmen langfristig aussetzen wollen.